Nachts in der Stadtbücherei

von Laura Türk, Stadtzeitung Augsburg, 16.9.2018.

Das war die „Lange Nacht der Demokratie“.

Andi ist türkisch, schaut gerne Sport, und macht im Urlaub „gerne einen drauf“. Er hört vor allem Hip Hop und Rap und schaut sich ziemlich oft Videos auf Youtube an – all das denken zumindest die Teilnehmer eines Workshops, der am Samstagabend im Rahmen der „Langen Nacht der Demokratie“ in der Stadtbücherei Augsburg stattfand.
Eine Gruppe von Leuten, die sich zuvor nicht kannten, sitzen um eine große Tafel, schauen sich Andi an, und bilden ihr Urteil. Die erratenen Eigenschaften schreiben sie mit Kreide auf. Was Andi beruflich macht oder machen will, da sind sie sich nicht ganz einig. „Ich bin für Jura“, schlägt ein Teilnehmer vor. „Ich denke er macht eher was technisches, eine Ausbildung“, widerspricht ein anderer. Schließlich löst Andi auf: Er ist gar kein Türke, sondern Iraker, der in Deutschland geboren ist. Rap und Hip Hop hört er tatsächlich, aber Sport – er lacht – schaut er eigentlich nicht. Im Urlaub fährt Andi oft nach Griechenland, und „einen draufmachen“ tut er da eigentlich nicht. Außerdem will er Lehrer werden. „Das mit den Youtube-Videos stimmt aber auf jeden Fall auch“, sagt eine Freundin, die natürlich nicht mitraten durfte – und da stimmt Andi ihr lachend zu.

Am Ende des Workshops reflektieren die Teilnehmer über die Ergebnisse. „Oft liegt man tatsächlich richtig“, sagt ein Teilnehmer, „aber manchmal liegt man eben auch falsch.“ Auf jeden Fall seien Vorurteile dann gefährlich, wenn man sich nicht mehr von ihnen lösen könnte, meint ein anderer. Und der Leiter des Workshops fasst am Ende zusammen: „Was man gemerkt hat war, dass im Laufe des Workshops die Neugierde zurück kam, mehr über die tatsächliche Person herauszufinden“.

Chinesischer Blogger zu Gast in Augsburg
„Schubladendenken“ hieß dieser Workshop, der im Rahmen der Langen Nacht der Demokratie im Hof vor der Stadtbücherei stattfand. Diese veranstaltete der Bezirksjugendring Schwaben, doch es gab noch deutlich mehr Mitwirkende. Den Workshop „Schubladendenken“ leitete etwa das Grandhotel Cosmopolis, insgesamt über 35 Organisationen nahmen an der Langen Nacht der Demokratie teil – so etwa die Jusos, Junge Union, jungen Liberalen sowie die Grüne- und die Linksjugend, die Volkshochschule, der Kreisjugendring oder verschiedene Augsburger Gymnasien. Junge Erwachsene sollten hier die Chance erhalten, ihren Bezug zu politischen Fragen zu verdeutlichen und sich darüber auszutauschen.

Im Rahmen der Veranstaltung war auch der chinesische Blogger und Menschenrechtsaktivist Dejun Liu zu Gast in der Stadtbücherei. Er lebt seit 2013 in Deutschland und erzählte von seinen Erfahrungen, was geschieht, wenn Meinungs- und Pressefreiheit massiv eingeschränkt werden. Außerdem fand die Preisverleihung des Jugend-Filmwettbewerbs „Eine Minute für Demokratie“ des Stadtjugendrings statt, dessen erster Preis mit 500 Euro dotiert war.

Zur politischen Bildung anregen

Einen Workshop leitete auch Student Fabian Prillinger. „Wir wollen eigentlich bloß zur politischen Bildung anregen“, begründet er sein Engagement für die Lange Nacht der Demokratie. In seinem Workshop ging es um Politiker, aber auch um die Bürger. „Politiker sind die Berufsgruppe, der die Menschen am wenigsten vertrauen“, zitiert Prillinger eine Statistik. Dabei sollte es eigentlich genau anders herum sein. Doch ähnlich der Politikverdrossenheit herrsche teilweise auch bei den Politikern eine Bürgerverdrossenheit. „Und diese gegenseitige Ablehnung schaukelt sich dann immer weiter hoch“.

Auch die Selbstwahrnehmung der Wähler nahm der Workshop unter die Lupe. Verschiedene Extreme stehen auf einem Plakat. Da gibt es den „linken Anarchist“ und den „naiven Gutmensch“ genauso wie den „reichen Ausbeuter“ und „rechten Nazi“. In einem Kreis sind diese Klischees angeordnet, und in der Mitte steht ein großes „wir“. „Wir denken alle wir stehen in der Mitte“, erklärt Prillinger, „außen sind immer nur die anderen“. Dabei seien am Ende eben doch die meisten nicht in der Mitte. „Manchmal verhalten wir uns da selbst undemokratisch“, meint Prillinger, „und das wollte ich einmal aufzeigen.“

Ob er bei einer solchen Veranstaltung wirklich die erreicht, die politische Bildung am meisten bräuchten? „Natürlich ist hier niemand, der sich nicht schon ein bisschen für Politik interessiert“, lenkt Prillinger ein. „Aber warum sollten wir nicht probieren, dennoch so viele Leute wie möglich zu erreichen?“